Mercedes G-Modell mit 93.000 Kilometern
Ein 280er G wird es dagegen schon richten, hatten wir uns gedacht, doch selbst die Kombination von Allradantrieb, mächtigen Offroad-Reifen der Dimension 235/ 65-16 und viel Schwung war in diesem Fall offensichtlich machtlos. "Schaufeln oder erst einmal einen Tee kochen?" Meine Begleiterin Silke sieht die Situation erfreulicherweise sehr gelassen. Ihr gefällt die Einsamkeit, die gleichermaßen faszinierend wie bedrohlich wirkt. Um uns herum kein Haus, kein Baum, kein Strauch - nur unwirtliches Ödland und Lavagestein. Die Piste zum sagenhaften Askja, einem Vulkan mit Kratersee, führt durch ein Island wie aus einem Bildband. Dass man hier bisweilen etwas länger auf fremde Hilfe wartet, nimmt der Reisende bei so einem Abenteuer unweigerlich in Kauf. Bisher war ja auch alles gutgegangen, war die Verwirklichung des Traums einer Islandtour auf eigene Faust schneller wahr geworden als erwartet. Über einen Bekannten hatte ich von einem Mercedes-Benz Geländewagen gehört, der ganz in der Nähe und mit überschaubarer Laufleistung angeboten wurde: Ein früher 280 GE, Baujahr 1980, aus zweiter Hand und mit glaubhaften 93.000 Kilometern auf dem Zähler. Ein prächtiger Wagen mit wenig Rost, der bald Anspruch auf ein H-Kennzeichen hat und uns sicherlich problemlos bis in jeden Winkel dieser Welt tragen würde - es schien, als seien wir füreinander bestimmt. Ventilspielkontrolle und Ölwechsel mussten als technische Vorbereitung reichen - bereits kurz nach dem Kauf fiel der Startschuss, landeten wir nach drei Tagen auf See an der wolkenverhangenen Küste Islands.Auch ein Mercedes G-Modell kann sich mitunter festfahren
Die Abfertigung der Neuankömmlinge geschieht offensichtlich im Akkord, einzig die Einfuhr von Lebensmitteln und Alkohol ist streng reglementiert und wird entsprechend kontrolliert. Der Mercedes-Oldie mit seiner gespachtelten Beifahrertür scheint jedoch vollkommen unverdächtig zu wirken, er und seine Besatzung werden höflich durchgewunken. 90 Kilometer später drehen sich die Räder endlich auf der ersten, lang ersehnten Schotterpiste - es ist der Weg zum Askja-Vulkan, auf dem der G von einer Schneewehe noch immer gefangen gehalten wird. In ein paar Wochen könnte man hier relativ problemlos entlangfahren. Doch so, wie es momentan aussieht, kommt für diesen Trip wohl nur die fast vollständig geteerte Küstenringstraße in Frage, die bereits komplett schneefrei ist. Doch noch beißt sich der G an der weißen Pracht seine Zähne aus. Wir zahlen - wie vermutlich alle Island-Neulinge - erst einmal Lehrgeld in Form einer mehrstündigen Bergungsaktion. Mit einem Klappspaten schaufeln Silke und ich den Weg für den Mercedes frei, Meter für Meter kommt der Wagen voran, bis er wieder auf der Piste steht. Doch für einen Abstecher zum Vulkan reicht die Zeit heute nicht mehr. So wird das erste Nachtlager auf Island dort aufgeschlagen, wo der Wagen gerade steht: mitten auf einer Spur im menschenleeren Hochland. Tags darauf erstreckt sich das weite Land unter einem strahlend blauen Himmel. Noch sind es elf Kilometer bis zum Askja-Vulkan, und der Weg dorthin sieht mit Ausnahme einiger Schneefelder eigentlich recht gut aus. Einen weiteren Versuch, zum Berg zu gelangen, scheint es allemal wert zu sein. Im Schritttempo - und manchmal auch noch langsamer - wühlt sich der G durch den schwarzen Grund bergauf.Rallyefeeling kommt auf - mit 156 PS aus dem Doppelnocker-M110
Toll, wie der alte 280er in Form ist, der legendäre M 110-Doppelnockenmotor gerät bei dieser Arbeit nicht einmal ins Schwitzen - die Temperaturanzeige im Cockpit verharrt trotzig im weißen Bereich. Gut drei Stunden später parkt das G-Modell schließlich vor dem Vulkan. Allein dieser Anblick war alle Mühen wert. Ermutigt von unserer Leistung peilen wir am nächsten Morgen den Dyngjuvatn-See an, der wie ein riesiger Spiegel inmitten einer Wüste aus schwarzem Lava-Sand liegt. Die Piste dorthin (F 910) ist alle 200 Meter mit grell leuchtenden Baken gut gekennzeichnet, der Reihensechszylinder röhrt kernig unter Volllast. Permanentes Wechseln vom dritten in den vierten Gang und wieder zurück halten das Tempo im Tiefsand oben, die Tachonadel pendelt irgendwo zwischen 70 und 100 Stundenkilometern, und die schwieligen Hände umklammern das Steuer.Rallye-Feeling kommt auf, getragen von der Euphorie jugendlicher Leichtigkeit - und das in einem Oldie mit strammen 29 Lenzen auf dem Buckel. Pause. Die 156 Pferde, die der M 110 im 280 GE maximal bereitstellt, dürfen rasten. Der Alu-Motor tickt heiß vor sich hin, das Gehirn saugt diese für europäische Augen unwirkliche Landschaft in sich auf. Ein Traum aus Farben und Formen, nur der Verbrauch des GE holt uns wieder in die Wirklichkeit zurück: 27 Liter Super während der letzten 100 Kilometer, der Sand fordert Tribut.



