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Extrem Tour Sibirien: Transsyberia: So weit die Räder tragen

Ab nach Sibirien“, lautete schon unterm Zaren ein häufig gesprochenes Urteil. Später nutzten die kommunistischen Herrscher, allen voran Diktator Stalin, die mit 12,8 Millionen Quadratkilometern unvorstellbar großen Ausdehnungen des Gebiets, um politische Gegner in die Verbannung zu schicken. Aus dem schlafenden Land, so die wörtliche Übersetzung für Sibirien, mit endlos langen Wintern und Temperaturen von bis zu minus 60 Grad Celsius kamen viele Gefangene nie wieder zurück.

Ich bin von Kazan auf dem Weg nach Omsk und denke unwillkürlich an die Geschichte des ­Soldaten Clemens Forell, der im Jahre 1945 als deutscher Kriegsgefangener nach Westsibirien deportiert wurde, von wo aus ihm die abenteuerliche Flucht gelang. Die ist durch den Roman „So weit die Füße tragen“ weltberühmt geworden. Jetzt also wandle ich auf Forells Spuren. Der Unterschied zu damals: Ich fahre einen 385 PS starken Porsche Cayenne S in der fast 160 000 Euro teuren Rallye­ausstattung Transsyberia, mit elektronisch geregeltem permanenten Allradantrieb, Geländeuntersetzung, Differential-, Längs- und Quersperren. Was hatte ­Forell? Kaputte Stiefel. Mit dem Hightech-Porsche werde ich in drei Tagen rund 2000 Kilometer zurücklegen. Forell lief in über drei Jahren 14 000 Kilometer! In Worten: vierzehntausend!!!
Okay, die gesamte Strecke der Rallye Transsyberia von Moskau bis Ulan Bator misst immerhin etwa die Hälfte davon. Doch schon auf dem von mir gefahrenen Teilstück (siehe Karte rechts) lässt sich erahnen, welche unglaublichen Strapazen der Flüchtling nicht nur bei klirrendem Frost, sondern auch im heißen Sommer auf sich genommen haben muss. Dank des feuchten Bodens sprießt hier die Vegetation üppig – paradiesische Bedingungen für vergleichsweise riesige Mücken, die hier in gewaltigen Schwärmen auftreten. Das bekommen die Teilnehmer der Rallye besonders drastisch zu spüren, wenn ihr Fahrzeug in einem der vielen Wasser- und Schlammlöcher stecken bleibt. Dann muss der ­Copilot raus in die trübe Brühe, die nicht selten bis zum Bauch­nabel reicht, das Seil der Winde ertasten und einen guten Punkt zum Festmachen suchen.

Irgendwann erreichen wir den mit unzähligen Schlaglöchern übersäten Asphaltpfad, der über Tausende von Kilometern die einzige Straßenverbindung von West nach Ost ist. 33 Teams, ­davon 26 mit einem Cayenne, schlagen sich durch das weitgehend unbesiedelte Land. Hin und wieder lassen blaue Schilder mit weißen kyrillischen Buchstaben vermuten, dass es links und rechts der Buckelpiste noch Ansiedlungen geben muss. Mich packt die Neugier. Wie sieht so ein sibirisches Dorf wohl aus?
Also runter vom russischen Highway und rein ins Ungewisse. Mein Transsyberia meistert die sieben Kilometer durch Matsch und Schlamm problemlos. Schließlich tauchen hinter einem Birkenwäldchen mehrere windschiefe Holzhütten auf. Kaum zu glauben, dass man in diesen zumeist über 100 Jahre alten Verschlägen dem sibirischen Winter trotzen kann. Vor einem Tor, von dem die letzten Reste blauer ­Farbe abblättern, steht ein älterer Mann und winkt freundlich her­über. Ich halte an. Er mustert den Cayenne, als wäre ein Ufo ge­landet. Auch ich staune nicht schlecht – und zwar über die örtliche Wasserversorgung. Der Dorfbrunnen ist ausgetrocknet, Kette und Eimer sind vollkommen verrostet. Eine Reparatur scheitert offenbar an fehlenden Ersatzteilen. Stattdessen steht vor jedem Grundstück eine hüfthohe Tonne. Was wie große ­Abfalleimer anmutet, entpuppt sich als Behältnis für das lebensnotwendige Nass. Regelmäßig kommt ein alter Traktor mit einem Wassertankanhänger vorbei und befüllt die rostigen ­Bottiche. Im Winter deckt Väterchen Frost mit reichlich Schnee den Bedarf.
Vor einer halb verfallenen Holzgarage werkelt Iwan, ein gut ­gelaunter 18-Jähriger, an seinem Motorrad. Die alte Ural bekommt einen Beiwagen: einen auf Rohrgestell montierten Holzkasten. Nur Rad und Schutzblech scheinen originale Anbauteile zu sein. Gut, dass es heute nicht regnet. In der Garage wäre nämlich gar kein Platz für die Baumaßnahme, weil dort Iwans Bett den meisten Raum beansprucht.
Mittlerweile hat sich das halbe Dorf versammelt, um den ­Cayenne zu bestaunen. Eine ­Babuschka in bunter Schürze redet wie ein Wasserfall auf mich ein. Es interessiert sie gar nicht, ob ich ihren Wortschwall verstehe. Die Alte ist eben glücklich, endlich mal jemandem ihre Geschichten erzählen zu können, der diese noch nicht in- und auswendig kennt. Plötzlich hält sie inne, weist wild fuchtelnd auf das mobile GPS-Navi am Armaturenbrett, strahlt mich an und ruft ganz aufgeregt: „Sojus!“ So wird aus dem Porsche-Ufo die Errungenschaft russischer Weltraumforschung.

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Eine korpulente Bäuerin kommt auf mich zu und reicht mir ein großes Einweckglas mit warmer Milch, frisch gemolken und noch nicht entrahmt. Ziemlich unbekömmlich für einen an westeuropäische Kost gewöhnten Magen. Zum Glück bleiben mir ernsthafte Nachwirkungen erspart.
Zurück auf der transsibirischen Holperstrecke, jagen wir Omsk entgegen – nur 80 Kilometer Weg, aber ein Zeitsprung aus der Zarenära in eine Millionenstadt mit sanierten historischen Häusern, prachtvollen Kirchen – und maroden Plattenbauten fürs einfache Volk. Meine Tour endet nun, genau hier, wo einst die Odyssee des Clemens Forell begann. Viel geändert hat sich auf dem sibirischen Land seitdem ­offenbar nicht. Gerd Schwarze

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